Schafft 1,2,viele…

28.12.2006

Unserem Lieblingsladen in Leipzig samt seiner politischen Landschaft wurde ein hübsch ausschweifendes Portrait zugedacht. In einem längeren Artikel unter der komischen Schlagzeile »The good men of Leipzig« stellt Assaf Uni den LeserInnen der israelischen Tageszeitung Haaretz den Connewitzer Kultursalon Nummer eins wie folgt vor:

The Conne Island center, a complex with a performance hall, library, cafe and impressive skateboard rink, is the headquarters of the pro-Israel radical left-wing activity in Leipzig. One would not have expected these activists to show uncompromising support for Israel and for the advancement of neo-Marxist values.

Der Herr Geschäftsführer betont:

»What we all share is support for Israel and coming out against any form of anti-Semitism, fascism and sexism,« says the center’s director, Christian Schneider, 26. »All in all, there around several hundred people active in Conne Island.«

Das ist, wie der Autor zurecht ausmacht, nun wirklich »unusual in the German scene.« Auch wenn die popkulturellen Bookingerfolge manchmal zu wünschen übrig lassen, wäre so etwas wie das Conne Island per copy & paste beispielsweise in Hamburg, Berlin oder sonstwo meines Erachtens nach fabelhaft. Nur kann man ja nicht alles haben.

Schublade: Medien, Politik // Autor: Sebastian

Spex

22.12.2006

Zum Jahreswechsel sind nicht nur millionenfach Stoßgebete für eine bessere Zukunft und allerlei metaphysische, gute Vorsätze zu erwarten, sondern auch ein Bruch bei der SPEX – der Tante Käthe des deutschsprachigen Popkulturjournalismus.

»Spex, das klassische Blatt für Jungmänner mit riesiger Plattensammlung und entsprechend habituell gegen Null tendierendem Geschlechtsverkehr, fand ich immer langweilig, überflüssig, aufdringlich und vor allem grotesk überschätzt,« schrieb Wiglaf Droste in der Jungen Welt vom 18.12. und hatte wie immer irgendwie Recht, »Wer braucht schon Sätze wie diesen: »Glamour ist die idiosynkratische Persönlichkeit eines erratischen, steinalten Rockers, eine derridaid in sich selbst verschwindende, post-dekonstruktionistische Too-Pure-Band.« Solchen Seich öddelte der frühere Spex-Chefredakteur und –Herausgeber Diedrich Diederichsen zusammen, der zwar mitunter Gedankengang hat, aber vor allem einer der prononciertesten Schwafelköpfe ist, die von deutschem Boden je ausgingen.«

Herumgesprochen dürfte sich mittlerweile haben, dass besagtes Blatt nun aus Rationalisierungs‑ und Hippnesserwägungen von Köln nach Berlin umsiedeln wird. Weil das der bisherigen Redaktion um Uwe Viehmann aber wohl nicht recht in den Kram passt, liessen sie sich kurzerhand der Arbeitslosigkeit überantworten.

»Ein Verlag unserer Größe kann sich keine drei Standorte leisten. Wir werden nur noch München und Berlin als Standort betreiben. Wir haben sehr lange versucht, mit der Redaktion eine Möglichkeit zu finden weiterzuarbeiten und diese Gespräche sind jetzt leider gescheitert. Und nach unserem gestrigen Gespräch mit der Redaktion haben wir uns entschieden, dass die Redaktion in Berlin in der Form nicht weiterarbeiten wird.« Piranha-Verlagschef Alex Lacher gegenüber Zündfunk.

Finito! Weil es aber doch immer weitergehen muss, wird nun mit Max Dax ein Nachfolger ins Rennen geschickt, der in der letzten Wochenendausgabe der taz bereits seine Zukunftspläne mit dem Magazin erläutern durfte. Bei dieser Gelegenheit fiel ihm nichts besseres ein, als das: »Die großen kulturellen und politischen Leitthemen werden in der SPEX wieder stattfinden. Episch. Deep. Leidenschaftlich.« Was wohl letztlich soviel bedeutet, wie ein wirklich dummes Heft machen zu wollen. Dazu passt dann auch die ausgegebene Losung »Die SPEX ist größer als ich, du und die alte Redaktion.« Du bist nichts, dein Volk ist… aber lassen wir das.

Wie es wohl aussehen wird, wenn die SPEX politische Leitthemen deep und leidenschaftlich bearbeitet, kann man sich vielleicht in Gestalt von Dax ausmalen, der bislang für das Interviewmagazin Alert, die taz und die Welt tätig war. Reaktiviert man jetzt Welt-Kollege Ulf Poschart, um der ebenso tumben Poplinken episch die Vorzüge der freien Marktwirtschaft anzutragen? Sicher ist alleinfalls: »In dem Ding, das für März und fortan alle zwei Monate angekündigt ist werden gute und miese Artikel stehen – das ist in Ordnung und nicht so wichtig. Diejenigen Leute aber, die Lacher bräuchte und nie kriegen wird, werden anders als wir alten früher nicht versuchen das, was »Spex« wollte, im selben Rahmen fortzusetzen, sondern riskieren, was die »Spex«-Erfinder 1980 riskiert haben: etwas Neues, Eigenes, Richtiges«. So prophezeit es jedenfalls Ex‑ Chefredakteur Dietmar Darth am 19.12. in der FAZ.

Letztlich interessiert das Ganze aber doch wohl keine Sau, ausser vielleicht diejenige, die die SPEX noch aus alter Verbundenheit, wegen der immer sehr hübschen Aufmachung oder der CD-Beilage konsumiert hat. »Es bleibt nur das Gesetz: Die machen ihr’s, und das ist nichts für mich.« Drostes Fazit beschränkt sich nicht auf seinen Urheber.

Schublade: Medien, Subversionsmodell Pop // Autor: Sebastian