Mügeln reloaded

11.03.2009

Dietmar Dath schreibt in seinem »Brief über Nachrichten«: »Gewalttaten sind in den Medien immer überdeterminiert: Es geht zwar um den Akt selbst, aber seine Wirkung als Propaganda gehört schon zur Nachricht, wenn man von ihm erfährt. Das gilt besonders beim faschistischen Akt, denn da liegt es in der Natur der Sache, dass Handeln auch Propagandieren ist, denn das was propagiert wird, ist gesamtgesellschaftlicher Schrecken.«

Ob sich sowohl Medien, als auch die faschistischen Akteure der Hetzjagd gegen ein paar Inder im Zuge des Mügelner Volksfestes im Sommer 2007 dessen bewusst waren oder nicht – die Nachhaltigkeit dieser Tat ist erschreckend. Waren 2007 noch Sommerpresseloch und Restzüge des geläuterten Fußball-Fiebers der Grund, dass derartiges Propagieren von »Ausländerklatschen« und entsprechendem Handeln in einem kleinen Aufstand der Anständigen mündeten, scheint man auch 2009 den gesellschaftlichen Schrecken nicht nur zu propagieren, sondern wieder einmal zu verbreiten. Am 09.03. wurde eben jene Pizzeria, in die sich die vor besagtem Pogrommob flüchtenden Inder retten konnten, abermals Mittelpunkt rassistischer Exzesse. Wie die „Oschatzer Allgemeine“ in ihrer Montagausgabe berichtete, hatten in der Nacht zum Samstag zwei Männer und eine Frau den 43 Jahre alten Inhaber des Restaurants angegriffen und schwer verletzt. Die Staatsanwaltschaft ließ wie gewöhnlich in Beamtensprech verkünden, dass ein ausländerfeindlicher Übergriff nicht auszuschließen sei. Dabei ist es das Vorgehen, das zumindest auf einen rassistischen Vorsatz, wenn nicht sogar auf einen geplanten Angriff schließen lässt: nach Rütteln und Klopfen an Türen und Fenstern wurde der Inhaber der Pizzeria beim Hinausgehen überrascht und so lange mit einem Schlagring auf ihn eingedroschen, bis man ihm die Nase brach.

Alles beim alten also in jener Gemeinschaft, die doch so stellvertretend für so viele Gegenden in Deutschland ist: Während man in Mügeln gut und gerne von einem nicht mehr zu verharmlosenden gesellschaftlichen Klima sprechen kann, übt sich die Staatsanwaltschaft in falscher Objektivität, ergötzt sich der Bürgermeister in Relativierung und der Rest der Einwohner in standesüblicher Vertuschung und solidarischem Zusammenhalt.

Schublade: Medien, News, Politik // Autor: Chris

Hardcore als Nazi-Marke

24.02.2009

Ein Göttinger Neonazi, der in einschlägigen rechten Bands aktiv ist, hat sich den Begriff »Hardcore« urheberrechtlich schützen lassen. Die Eintragung als Wortmarke beim deutschen Patent‑ und Markenamt, kann man als Versuch interpretieren, ein wirksames Instrument gegen den linken (Gross‑)Teil der Hardcore-Szene in Händen zu halten. Nur ein Beispiel: wer in Zukunft Stoff mit der Aufschrift »Leipzig Hardcore« oder »Hardcore is More than Music« bedruckt, der/die darf gespannt auf teure Anwaltspost (sogenannte Abmahnung) aus Niedersachsen warten. Darin wird man dann wahrscheinlich aufgefordert, innerhalb einer sehr kurzen Frist, den Verkauf und Vertrieb der Artikel einzustellen, die noch vorrätigen Stücke einzustampfen, den erzielten Gewinn herauszugeben bzw. einen gewissen Schadensersatz zu leisten. Das ist fies und nervt! Soweit muss es aber gar nicht erst kommen. Denn noch kann gegen die Eintragung der Wortmarke (ja, man kann auch »nur« einen Begriff schützen lassen) Widerspruch eingelegt werden. Und der hat tatsächlich Aussicht auf Erfolg, sofern jemand geltend macht, bereits vor der Eintragung der Marke mit der Aufschrift »Hardcore« bedrucktes Zeug hergestellt und unter die Leute gebracht zu haben. Dann hat er/sie das bessere Recht (sogenannter Prioritätsgrundsatz)! Also, liebe HC-Merch-FreundInnen: zückt die Advocard und ruft Eure AnwältInnen an. Mehr Infos: 1, 2, 3.

Schublade: News // Autor: Sebastian

Lebe Deinen Alptraum

30.09.2008

Der Rapper Tibor Sturm wurde 2005 von sechs Neonazis in der Nähe von Erlangen verfolgt und geschlagen. Er wehrte sich und erwischte einen der Angreifer nachhaltig und folgenreich. Dafür wurde er gerichtlich mit einer siebenmonatigen Haftstrafe bedacht, die er zur Zeit in Ingolstadt absitzt. Nicht weil er sich in Notwehr verteidigte, wurde er verurteilt, sondern weil er nach Ansicht der Richter die Grenzen der zulässigen Selbstverteidigung überschritt. So hätte Sturm aufgrund seiner Kampfsport-Erfahrung wohl mehr Umsicht im Umgang mit den Nazis üben müssen. Seine absonderliche Geschichte erzählt Sturm nun selbst. In einem Film, der unter www.alptraum.be angeschaut werden kann, beschreibt er die Umstände, die ihn in den Knast brachten und seinen Umgang damit: »Also entschuldigt hab ich mich nicht. Bei niemandem. Das seh ich auch nicht ein. Warum muss ich mich entschuldigen? Weil ich mich selbst verteidigt hab? Ich wurde ja angegriffen.« Recht hat er.

Schublade: Medien, News, Politik // Autor: Sebastian

Anschlag auf Antifa-Festival

8.08.2007

Letztes Wochenende fand in Bern ein mit »Let’s Rock Out Facism« übertiteltes Antifa-Festival statt, auf dem unter anderem Dritte Wahl, Klasse Kriminale, Normahl und Oi Polloi auftraten. Am Konzertsamstag fiel den VeranstalterInnen in der mit etwa 1500 Gästen gefüllten Reitschule ein stark riechender Rucksack auf, den sie ins Freie brachten. Nach nur wenigen Minuten fing die Tasche Feuer.

»Die Flamme schoss etwa 4–5 Meter in die Höhe und der sich dabei gebildete Feuerball hatte ca. einen Durchmesser von 9 Metern. Dies ist ein in etwa 60 Quadratmeter abgedeckte Fläche.«,

schrieb das Festivalteam in einer Erklärung. In dem Rucksack war eine Brandbombe mutmaßlich durch militante Neonazis hinterlegt, die bei einer Detonation in der Halle gewiss tödliche Folgen nach sich gezogen hätte.

»Nur durch sehr grosses Glück kamen keine Personen zu Schaden. Das Ausmass dieses Attentates wäre verheerend gewesen, wäre die Brandbombe im Innern der Halle detoniert. In dem Rucksack befanden sich mit einer brennbaren Flüssigkeit gefüllte Flaschen, welche mittels einer Zündvorrichtung zur Explosion gebracht wurden.« (Stellungnahme der VeranstalterInnen)

Weitere Infos in der Jungen Welt.

Schublade: Politik // Autor: Sebastian

Dort wo man Bücher verbrennt

30.06.2006

Am Samstag, dem 24. Juni, fand im Gemeindehaus des Ortes Pretzien im Landkreis Schönebeck (Sachsen-Anhalt) eine öffentliche Sonnenwendfeier statt. Die an Heimatpflege interessierte, 900 Mann starke Gemeinde feierte allerdings derart enthusiastisch, dass bei manchen der Funke übersprang: Eine US-Flagge und ein Buch, vermutlich das »Tagebuch der Anne Frank«, wurden zum Anlass verbrannt. Die Freitagsausgabe der Magdeburger Volksstimme schreibt, dass auch Bürgermeister Friedrich Harwig (Linkspartei.PDS), Mitglied im »Heimat Bund«, an der Bücherverbrennung teilgenommen hat.
Pretzien liegt direkt an der Elbe und ist nach eigenen Angaben wegen seiner »vielen Badeseen« »ein Ort der Erholung«. Das nächste Hochwasser ist nur eine Frage der Zeit. Please come and wash all this scum away.

Schublade: Politik // Autor: Dennis