Die Diskussionsveranstaltung »Warum Israelsolidarität?« im Mai im Conne Island brachte nicht viel Neues. Weder zum Thema, noch über die Szene, die keine sein will, sich in vielen Punkten aber von Autonomen der 90er Jahre lediglich dadurch unterscheidet, dass sie ihren jugendlichen unreflektierten Radikalismus neu justieren musste und ihr infantiles Gebaren Pop-kompatibel umcodierte: IDF-Hemdchen statt Palituch, USA-Button statt EZLN-Patch, Herzl‑ statt Guevara-Kult. Wirkliche Debatten sind dünn gesät, weswegen ich wohl einige naive Hoffnungen in die Veranstaltung im Conne Island setzte.
Speziell das Publikum unterschied sich jedoch von den Illnerschen und Maischbergerschen Studioschafsherden großteils nur dadurch, dass es sich nicht vorher sein Team aussuchte und supportete, es wird einfach ausnahmslos bei jedem Beitrag geklatscht.
Die Israelsolidarität vieler Antideutscher gerät immer mehr zur Farce, was erstaunlicherweise auf dem Podium nicht wirklich Thema war. Man mühte sich lieber mehrheitlich ab, mit möglichst martialischer Sprache Israelsolidarität in die jeweils aktuelle Gesellschaftstheorie einzubinden, statt die Frage der Realpolitik zu erörtern und ihre bittere Notwendigkeit einzugestehen. Man reihte lieber pathetische Aufrufe – gespickt mit Imperativen – aneinander, um das einzufordern, worin sich wohl sowieso alle Anwesenden einig waren, statt die ärgerliche Infantilität identitär-antideutscher Schwachköpfe und ihre teils gefährliche Nähe zum Philosemitismus zu kritisieren. Wirklich neu und in seiner Klarheit und Einfachheit aus dem Rahmen fallend war dabei lediglich das Referat »Warum Notzionismus?« von Hannes Gießler, der diese Problematiken im Ansatz aufgreift und seine Ausführungen im aktuellen CEE IEH veröffentlicht hat.
Außerdem ist in der aktuellen Jungle World ein sehr empfehlenswertes (aber redaktionell gekürztes) Dossier von Stefan Grigat erschienen. Hierin wird nicht nur noch einmal in aller Breite, Entstehung und theoretischer Kern der Ideologiekritik, sowie eine Übersicht über die verschiedensten Vorwürfe gegen selbige erläutert. Er trennt explizit die publizistische Tätigkeit von pilgerreisenden Popperbanden der autonomen Antifa und weist unter anderem auf den Unterschied hin, zwischen Politkitsch und notwendiger Identifikation:
»Die Kritik an falschen Identifikationen bedeutet jedoch nicht, dass die antideutsche Gesellschaftskritik und ihre aus der Kritik der politischen Ökonomie in Reflexion auf den Nationalsozialismus und sein Fortwesen entwickelte Solidarität mit Israel ohne jede Art von Identifikation auskäme. (51) Es geht hier um Identifizierung etwa im Sinne von Herbert Marcuse, der geschrieben hat: »Ich kann nicht vergessen, dass die Juden jahrhundertelang zu den Verfolgten und Unterdrückten gehörten, dass sechs Millionen von ihnen vor nicht allzu langer Zeit vernichtet worden sind. (…) Wenn endlich für diese Menschen ein Bereich geschaffen wird, in dem sie vor Verfolgung und Unterdrückung keine Angst mehr zu haben brauchen, so ist das ein Ziel, mit dem ich mich identisch erklären muss.« (52)

