»Israelsolidarität ist nicht glamourös«

13.08.2008

Die Diskussionsveranstaltung »Warum Israelsolidarität?« im Mai im Conne Island brachte nicht viel Neues. Weder zum Thema, noch über die Szene, die keine sein will, sich in vielen Punkten aber von Autonomen der 90er Jahre lediglich dadurch unterscheidet, dass sie ihren jugendlichen unreflektierten Radikalismus neu justieren musste und ihr infantiles Gebaren Pop-kompatibel umcodierte: IDF-Hemdchen statt Palituch, USA-Button statt EZLN-Patch, Herzl‑ statt Guevara-Kult. Wirkliche Debatten sind dünn gesät, weswegen ich wohl einige naive Hoffnungen in die Veranstaltung im Conne Island setzte.

Speziell das Publikum unterschied sich jedoch von den Illnerschen und Maischbergerschen Studioschafsherden großteils nur dadurch, dass es sich nicht vorher sein Team aussuchte und supportete, es wird einfach ausnahmslos bei jedem Beitrag geklatscht.

Die Israelsolidarität vieler Antideutscher gerät immer mehr zur Farce, was erstaunlicherweise auf dem Podium nicht wirklich Thema war. Man mühte sich lieber mehrheitlich ab, mit möglichst martialischer Sprache Israelsolidarität in die jeweils aktuelle Gesellschaftstheorie einzubinden, statt die Frage der Realpolitik zu erörtern und ihre bittere Notwendigkeit einzugestehen. Man reihte lieber pathetische Aufrufe – gespickt mit Imperativen – aneinander, um das einzufordern, worin sich wohl sowieso alle Anwesenden einig waren, statt die ärgerliche Infantilität identitär-antideutscher Schwachköpfe und ihre teils gefährliche Nähe zum Philosemitismus zu kritisieren. Wirklich neu und in seiner Klarheit und Einfachheit aus dem Rahmen fallend war dabei lediglich das Referat »Warum Notzionismus?« von Hannes Gießler, der diese Problematiken im Ansatz aufgreift und seine Ausführungen im aktuellen CEE IEH veröffentlicht hat.

Außerdem ist in der aktuellen Jungle World ein sehr empfehlenswertes (aber redaktionell gekürztes) Dossier von Stefan Grigat erschienen. Hierin wird nicht nur noch einmal in aller Breite, Entstehung und theoretischer Kern der Ideologiekritik, sowie eine Übersicht über die verschiedensten Vorwürfe gegen selbige erläutert. Er trennt explizit die publizistische Tätigkeit von pilgerreisenden Popperbanden der autonomen Antifa und weist unter anderem auf den Unterschied hin, zwischen Politkitsch und notwendiger Identifikation:

»Die Kritik an falschen Identifikationen bedeutet jedoch nicht, dass die antideutsche Gesellschaftskritik und ihre aus der Kritik der politischen Ökonomie in Reflexion auf den Nationalsozialismus und sein Fortwesen entwickelte Solidarität mit Israel ohne jede Art von Identifikation auskäme. (51) Es geht hier um Identifizierung etwa im Sinne von Herbert Marcuse, der geschrieben hat: »Ich kann nicht vergessen, dass die Juden jahrhundertelang zu den Verfolgten und Unterdrückten gehörten, dass sechs Millionen von ihnen vor nicht allzu langer Zeit vernichtet worden sind. (…) Wenn endlich für diese Menschen ein Bereich geschaffen wird, in dem sie vor Verfolgung und Unterdrückung keine Angst mehr zu haben brauchen, so ist das ein Ziel, mit dem ich mich identisch erklären muss.« (52)

Schublade: Politik // Autor: Lehni

Deutschland halt mal schön die Schnauze

8.06.2008

Es geht wieder los und Entkommen ist nicht drin. Eine Atmosphäre zwischen Fasching und Pogrom erbricht sich über das Land und flutet alle Rückzugsmöglichkeiten. Zum Trost gegen das hupende Fahnenmeer sei hier der ausgezeichnete Anti-Fussball-Essay des kürzlich verschiedenen Autors Michael Rudolf komplett zitiert: Read the rest of this entry »

Schublade: Fussball // Autor: Max

Jungle World again

31.10.2006

Dass es um die Jungle World nicht gerade rosig steht, wurde bereits auf der Startseite vom Webzine bemerkt und zur Abhilfe dieses Zustands per Abonnement aufgefordert. Wem dies allein noch nicht als Begründung genügt, kann sich ja mal durchlesen, was dem werten Herrn Redaktör zur Misere einfällt.

Dabei wäre vielleicht noch zweierlei meinerseits anzumerken: die Jungle World ist sich schon des Umstands bewusst, eine Ware auf den Printmarkt zu werfen, handelt dann aber komischerweise so, als sei Kapitalismus dann doch eine irgendwie solidarische Veranstaltung. Warum das Abo teurer ist, als der Weg zum Kiosk will mir nicht einleuchten; ebenso wenig warum man die Attraktivität der Zeitung nicht dadurch erhöht, dass man die Online-Ausgabe eben erst ein paar Tage nach dem Mittwoch im Netz als Volltext freischaltet oder AbonentInnen das Blatt einen Tag früher zustellt.

Sei’s drum. Dagegen aber wirklich bescheuert gestaltet sich der Vorstoßder Prosecco-Sozialisten aus Stuttgart, die einen entgegengesetzten Weg gehen und dem Blatt das Ableben ein wenig leichter machen wollen. »kündigt eure abos! schickt eine kopie der kündigung an uns und bekommt dafür ein tolles Geschenk.« Dass man so ziemlich jedem anderen Blatt, von Bunte bis Bild, von der Süddeutschen bis zur Jungen Welt den emanzipatorischen Segen einer frühen Insolvenz um einiges eher wünschen dürfte, hat sich bis nach Baden Würtemberg noch nicht rumgesprochen.

Dennoch: dass es einiges an der Qualität der Zeitung zu mäkeln gäbe, will ich einräumen. Pluralismusschleuderei in den Debatten mit der postmodernen Vorliebe »doch einfach mal so« eine Position zu beziehen, nur um der Disputation willen. All das darf sich die Jungle World um meinetwillen schenken. Ebenso wie übrigens hier und da die verflachende SPEX-Lastigkeit. Eine linke Wochenzeitung sollte sich ruhig mehr gesellschaftskritische Bleiwüsten gönnen (bitte) und nicht dickflüssige konsens Punkrock-Diskos runter reißen. Wer bei der Frage nach dem Herzschritt von Lederjacken nicht ins Gähnen kommt, der/die ist wohl selbst schon tot.
Albern ist allerdings die gewachsene (auch post‑)linke Neigung, wegen dem einen oder anderen dämlichen Artikel, einer im großen und ganzen sehr lesenswerten Zeitung zu Leibe zu rücken. Dass man hier partielle Ausrutscher nicht aushalten kann, die dort bei der Lektüre jeder x-beliebigen deutschen Tageszeitung zur Regel gehören – nur eben in abgestuften Geschmacklosigkeiten – versteh ich nicht. Muss ich aber auch nicht.

Schublade: Medien, Politik // Autor: Sebastian