Die Antifa war’s

12.01.2009

Man ist immer wieder überrascht, wie viel Fantasie Menschen aufbringen. Da wird in Bayern ein Polizist mit den Worten »Linkes Bullenschwein« und »Viele Grüße von Nationalen Widerstand« niedergestochen und nach ein paar Ermittlungswochen sind die Anhaltspunkte plötzlich nicht mehr so klar, wie sie eigentlich sind. Weil sich der Fahndungserfolg im Nazimilieu bislang recht nicht einstellen wollte, könnte es doch sein, dass man am falschen Ort nach dem Messerstecher und mutmaßlichen Komplizen gesucht hat. Soweit der Grundgedanke. Seine originellste Auflösung stammt von der Berliner Morgenpost oder aus Ermittlungskreisen (soweit journalistische Mindeststandards eingehalten wurden):

»Intern ist nun davon die Rede, dass im Rotlichtmilieu ermittelt wird und auch in der linksradikalen Antifa-Szene. Von Antifaschisten könnten die Tatermittlungen bewusst in die rechtsradikale Szene gelenkt worden sein. (…) Auch wenn es manchmal so wirkt, der Passauer Polizeidirektor war keineswegs nur ein Feind der Rechtsradikalen. Auch in der linksradikalen Szene gilt Mannichl als verhasst. (…) Die Ermittler ziehen nun auch die Möglichkeit in Betracht, dass ein Linksextremist das Attentat verübte, bewusst die verhasste rechte Szene anschwärzte und die Verletzung Mannichls billigend in Kauf nahm. Auch im schwarzen Gothic‑, Rocker und Punkmilieu wird gefahndet.«

Ich tippe auf die Antifa. Der ist alles zuzutrauen. Jedenfalls wenn man einigen Journalisten Glauben schenken mag. In der aktuellen Ausgabe des Magazins Politik Orange (via), das immerhin von der Bundeszentrale für politische Bildung und dem deutschen Bundestag herausgegeben wird, zeigt sich eine Prosafee besonders geistreich. Sie hat ein »Interview« mit einem Aussteiger aus der Antifaszene verfertigt und interessante Informationen zu Tage befördert:

Gibt es Regeln, um bei einer Antifa-Aktion teilnehmen zu können?
Du musst Mitglied sein. Ein vermummtes Gesicht ist Pflicht und du musst auch bestimmte Farben tragen: Schwarz und Rot.

Wie ist die Organisation strukturiert?
Es gibt einen festen Kern von etwa zehn Leuten, die sich aber nicht zeigen. Ich habe gehört, dass diese sich auch in der rechten Szene bewegen. Sie informieren andere Antifa-Aktivisten über die Aktionen, die von den Rechtsextremisten geplant werden und organisieren Gegenschläge.

Oh ja, und sie sind in die organisierte Kriminalität verwickelt, um ihre politischen Aktivitäten zu finanzieren, nutzen militärische Trainingslager auf Mallorca und züchten weiße Einhörner auf dem Dachboden. Eine so großartige Räuberpistole sollte sich die Berliner Morgenpost nicht durch die Lappen gehen lassen. In einer Hintergrundreportage ließe sich eine preisverdächtige Alternativtheorie zur Manichl-Tat mit dem Antifa-Aussteiger, geheimen Quellen und zugesteckten Dokumenten festzurren, die in etwa so geht: der bayrische Polizist wurde Opfer eines männlichen High-End-Antifas, der sich in der Naziszene investigativ und aktivistisch bewegt. Jedoch wurden seine Kameraden aufgrund vorzeigbarer intellektueller Fähigkeiten misstrauisch. Um seine Tarnung nicht auffliegen zu lassen, wurde er zu einer Initiationstat verleitet und überbrachte nach Rücksprache und Befehlsempfang durch die Antifa-Leitzentrale (unterirdisch, atombombensicher) »Grüße vom Nationalen Widerstand«. Abhörmaßnahmen, Hausdurchsuchungen und Peilsender werden diese Theorie gewiss belegen! Frau Generalbundesanwältin, übernehmen Sie.

Schublade: Medien, Politik // Autor: Sebastian

Deutschland Du Opfer

13.03.2007

Was Leiden wirklich heißt, hat uns erst kürzlich das Erste Deutsche Fernsehen (ARD) mit ihrem Vertreibungsmärchen »Die Flucht« bewiesen. Ein Kübel Erbrochenes löst mehr Mitleid in mir aus als Maria Furtwängler in ihrer Charakterrolle als adlige Vertriebene, wie sie deutsches Leids restlos verkörpert. Die Anerkennung des Unrechts gegen Vertriebene, die preußischen Opfer als Wegmarke der deutschen Erinnerungspolitik, ein ganz großer Scheißhaufen.

Der deutsche Opferdiskurs findet aber nicht nur im öffentlich Rechtlichen oder im Hirnkasten von Frontsau Guido Knopp statt, sondern zum Beispiel auch im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig, wo seit letztem Jahr die Ausstellung »Flucht, Vertreibung, Integration« zu bewundern ist. Deutsche Täter werden präsentiert als Opfer der Geschichte, sogar in den Mittelpunkt dieser gestellt, deren Schicksal endlich in den (inter)nationalen Diskurs aufgenommen gehört. Und wer das nicht anerkennen mag, bekommt es mit der Präsidentin des Bundes der Vertriebenen Erika Steinbach zu tun, die mit ihrem geplanten Berliner »Zentrum gegen Vertreibung« ebenfalls an der Einordnung des deutschen Schicksals in die europäische Geschichte bastelt. Selbst aus der westpreußischen Heimat vertrieben, bleibt es abzuwarten, wie lange sie, die Steinbach, noch Geduld hat beispielweise mit den uneinsichtigen Polen, die sich stur gegen ihre Interpretation der Leiden deutscher Vertriebener sperren. Wo Unrecht gegen die eigene Minderheit über die Verantwortung für nationalsozialistische Verbrechen gestellt wird, da steht es 1 : 0 für den Revisionismus.

Dem deutschen Opferdiskurs widmet sich vom 27. März bis zum 24. April die Veranstaltungsreihe »Deutsche Umtriebe« in Leipzig, die »der revisionistischen Geschichtspolitik und der unkritischen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus (…) eine kritische Analyse des deutschen Opferdiskurses entgegensetzen« will. Referenten sind u.a. Erich Später, Jörg Kronauer, Tobias Ebrecht und Regina Mühlhäuser.

Schublade: Politik // Autor: Dennis

Randgruppen-Empathie

30.12.2006

Kurz vor dem Jahreswechsel gilt es noch einmal inne zu halten, das Gewesene zu überdenken und das Werdende in Augenschein zu nehmen. Es gilt Empathie zu zeigen, Nächstenliebe, Hilfe für jene, die unserer bedürfen. Liebe Leserinnen, liebe Leser, zeigen sie 2007 Herz und Mitgefühl. Bitte.
Read the rest of this entry »

Schublade: Filme // Autor: Sebastian

Schafft 1,2,viele…

28.12.2006

Unserem Lieblingsladen in Leipzig samt seiner politischen Landschaft wurde ein hübsch ausschweifendes Portrait zugedacht. In einem längeren Artikel unter der komischen Schlagzeile »The good men of Leipzig« stellt Assaf Uni den LeserInnen der israelischen Tageszeitung Haaretz den Connewitzer Kultursalon Nummer eins wie folgt vor:

The Conne Island center, a complex with a performance hall, library, cafe and impressive skateboard rink, is the headquarters of the pro-Israel radical left-wing activity in Leipzig. One would not have expected these activists to show uncompromising support for Israel and for the advancement of neo-Marxist values.

Der Herr Geschäftsführer betont:

»What we all share is support for Israel and coming out against any form of anti-Semitism, fascism and sexism,« says the center’s director, Christian Schneider, 26. »All in all, there around several hundred people active in Conne Island.«

Das ist, wie der Autor zurecht ausmacht, nun wirklich »unusual in the German scene.« Auch wenn die popkulturellen Bookingerfolge manchmal zu wünschen übrig lassen, wäre so etwas wie das Conne Island per copy & paste beispielsweise in Hamburg, Berlin oder sonstwo meines Erachtens nach fabelhaft. Nur kann man ja nicht alles haben.

Schublade: Medien, Politik // Autor: Sebastian

Uwe Leichsenring Forever

23.12.2006

Das kommerzielle Radio »Sender KW« aus Königs Wusterhausen lässt seit neuestem Blitzer und Geschwindigkeitskontrollen von dem im selben Ort ansässigen Modelabel Thor Steinar präsentieren, das für seine Verstrickung in die bundesdeutsche Naziszene bekannt ist. Ob sich der neue Sponsor auch auf den Inhalt der Verkehrsmeldungen auswirkt, ist noch nicht nachhaltig recherchiert. Zwar scheint es, als seien bislang weder »Blitzerkrieg« noch ein »Radarkontrollenholocaust« über den Ã?ther verbreitet worden, jedoch sollte sich KW-Chefin und Senderdummchen Cornelia Gödecke, ehemalige Landtagsabgeordnete der SPD, mal genau überlegen, mit welchen Werbeträger sie ihr Lokalradio aufgeilt und ob Geschäfte mit Rechten nicht auf Dauer noch dümmer machen.

Dass Faschomode nicht nur ScheiÃ?e aussieht, sondern sich auch schlecht auf das sicherlich recht dürftige Image des Senders auswirkt, haben inzwischen andere Geldgeber wie die Bundesagentur für Arbeit oder die Mittelbrandenburgische Sparkasse eingesehen und ihre Verträge gekündigt. Für Gödecke selbst allerdings stellt das noch keinen Anhaltspunkt für ein Umdenken dar. Die Funktrine antwortete auf die Frage, ob sie auch Werbespots für die DVU schalten würde: »Ich wüsste nicht, wie ich mich entscheide.« SchlieÃ?lich gehe auch eine Menge Zuspruch für ihren Sender ein. »Das ist etwa fifty-fifty.«

Tja, so viel Toleranz finden wir zum kotzen und haben deshalb folgende Empfehlung für Frau Gödecke parat: Bitte nehmen sie ihren Volksempfänger und ihr ehemaliges Parteibuch, ihre neun Angestellten, ihr bisschen nicht stinkendes Geld, ach, nehmen sie ihren ganzen verdammten Sender und stecken ihn sich dahin, wo eh kein Empfang ist, ja? Danke.

Schublade: Politik // Autor: Dennis

Peter Gingold ist tot

30.10.2006

gingold.jpg

Im Alter von 90 Jahren ist der Antifaschist und Resistance-Kämpfer Peter Gingold am 28.10. in Frankfurt a.M. verstorben. Statt eines Nachrufs – wir würden dieser Aufgabe wohl auch nicht gerecht – möchte ich auf ein sehr lesenswertes Interview mit Tjark Kunstreich verweisen, das im Jahr 2000 geführt wurde.

Schublade: Politik // Autor: Sebastian