09.04.2008 / 12:33
»Nirgends wird die Überlappung des Erhabenen und des Exkrementalen deutlicher als im Hinblick auf Tibet, einem der zentralen Bezugspunkte des nachchristlichen »spirituellen« Imaginären. Heute spielt Tibet immer mehr die Rolle solch eines phantasmatischen Dings, eines Juwels, der sich in ein exkrementales Objekt verwandelt, je mehr man sich ihm nähert. Es ist ein Gemeinplatz zu behaupten, dass die Faszination, die Tibet auf die westliche Einbildungskraft (…) ausübt, einen exemplarischen Fall der »Kolonialisierung des Imaginären« darstellt. Sie reduziert das tatsächliche Tibet auf eine Projektionsfläche für westliche ideologische Phantasien. Und wirklich scheint die Inkonsistenz dieses Tibetbildes mit seinen offensichtlichen Widersprüchen diesen phantasmatischen Status zu belegen. Einerseits werden die Tibeter als ein Volk dargestellt, das ein einfaches Leben spiritueller Zufriedenheit führt, sein Schicksal widerspruchsfrei akzeptiert und frei ist vom unersättlichen Verlangen der Menschen im Westen nach »immer mehr«, und andererseits als unsaubere und promiskuitive Primitive. Lhasa selbst erweist sich als eine Version von Franz Kafkas Schloss: Erhaben und majestätisch, solange man es von ferne sieht, verwandelt es sich beim Betreten der Stadt in ein »Schmutzparadies«, einen gigantischen Scheißhaufen.«
So sehr Slavoj Žižeks schon etwas ältere Ausführungen richtig liegen – in der deutschen Berichterstattung hält sich stets hartnäckig ein Tibet-Diamant, der durch nichts beschmutzbar scheint. Obwohl oder wahrscheinlich grade weil die Plattitüden des dümmlich grinsenden Dalai-Lamas des Niveau von Glück-Keks-Sprüchen selten erreichen, wird er weiter als die gute Weisheit schlechthin vergottet. Von den Zuständen in Tibet vor der chinesischen Besatzung und der blutigen Geschichte des Buddhismus lässt sich die Tibet-Begeisterung erst recht nicht irritieren.
Trotzdem habe ich mich zunächst sehr über die durchgängig China-feindliche Berichterstattung der hiesigen Presse gefreut. Ohne Projektionen geht es aber auch dort nicht. Während in den letzten Jahren immer wieder Berichte über die ach so widerständige Underground-Jugend in China begierig konsumiert wurden (zB Beijing Bubbles), die es so in China leider gar nicht gibt, hat man nun den Eindruck, das Reich der Mitte würde aus Dissidenten bestehen, die von der KP-Minderheit unterdrückt würden. So begrüssenswert die Hörbarmachung kritischer Stimmen aus China ist, sie verschweigt auch das tatsächliche Ausmaß des Elends. Der Jahrzehntelange Terror der Mao-Ideologie bzw ihrer Anhänger hat die chinesische Gesellschaft wesentlich mehr abgefuckt, die Menschen dort im innersten beschädigt, so dass eine Gegenüberstellung von machtgeiler Führung gegen angepisste Bevölkerung ein viel zu rosiges Bild zeichnet. Wie tief die Kulturrevolution und der anschliessende »totale Kapitalismus« in die Menschen eingedrungen ist, habe ich vor längerem schon einmal hier anzureißen versucht. Viel effektiver als jede Waffengewalt presst die erfolgreiche Austreibung eigenständigen und kreativen Denkens die Menschen dort in die Unfreiheit. Wie weit dieses barbarische »Projekt« bereits vorgeschritten ist, kann oder will die China-Kritik anlässlich der olympischen Spiele nicht vermitteln. Dafür ist man viel zu fasziniert von der lange herbeigeschriebenen »neuen Welt‑/Wirtschaftsmacht China« und ihrer ungeheueren Selbstzurichtung, von der man in Zukunft noch viel lernen möchte.
09.04.2008 / 12:33
Mich beschlich bei der Berichterstattung und Reaktionen in Deutschland von Anfang an ein sehr ungutes Gefühl. Als würden sich die ambivalenten Gefühle, die die Deutschen gegen den Weltmarktkonkurrenten China hegen, sich hier negativ kulminieren und zum Ausdruck kommen. Man fühlt sich von Menschenmasse und Wirtschaftsmacht aus dem Reich der Mitte bedroht und kann hier endlich zurückschlagen mit dem Verweis auf Unterdrückung und Menschenrechte. Dass es nicht um eine Verbesserung für alle Bewohnerinnen und Bewohner Chinas geht, sondern nur dort, wo die allochthone Fremdherrschaft versus völkisches Nationalitätenprinzip entdeckt wird, macht die Sache noch ekelhafter. Zynisch könnte man hier die deutsche Freundschaftsachse von Gaza bis Lhasa… aber lassen wir dies.
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