In meinungsbildenden Schreibstuben, bspw. in einem grauen Büroturm in der Nähe der Hamburger Speicherstadt, schätzt man Geschichte im Plural. Weil sie so spannender klingt, und der Ruch des Authentischen die Prosa noch ein wenig mit Gänsehaut versorgt. Aber auch der Umgang damit bleibt durch dieses Verständnis nicht schadfrei. Geschichte wird nicht mehr im Benjaminschen Sinne zu einem rollenden Zug in Richtung Abgrund, der nach dem Ziehen der emanzipatorischen Notbremse verlangt. Mit den Geschichten konnte man die Seite schlicht umblättern oder aber – um der Bahn-Metapher treu zu blieben – lediglich ein anderes Ticket ziehen. Nur so kann man auf die Idee kommen, sein Titelblatt angesichts des zunehmend gefährlicher werdenden ISAF-Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan mit der Überschicht zu versehen: »Die Deutschen müssen das Töten lernen.« Das klingt, als sei das historisch ein völliges Novum. Wer den Vernichtungskrieg im Osten für ein schauriges Märchen von Guido Knopp hält, der hat eben nicht so präsent, dass sich die Deutschen tatsächlich weltmeisterhaft auf diese Übung verstanden. Vielleicht hätte man besser etwas anderes schreiben sollen. Etwa, dass es mit dem Töten eventuell auch wie mit dem Fahrradfahren ist. Einige Dinge verlernt man nie.
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