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Educated Guess

Weder die Einen noch die Anderen dürften unter normalen Umständen in unserem Geschmacksstübchen Platz nehmen. Weil aber ein schöner Blick auf das merkwürdige Treiben namens »Musikjournalismus« freigelegt wird, sperren wir ausnahmsweise mal die Tür auf.
In der US-amerikanischen März-Ausgabe des »Männermagazins« Maxim wurde über ein Album der Black Crowes berichtet. Man vergab fleißig Sterne (2 von 5) und lieferte zum Tenor des Urteils auch artig einen Grund. Das Album »hasn’t left Chris Robinson and the gang much room for growth.« Vielleicht wirklich eine berechtigte Kritk.
Der Haken ist nur: das Tittenmagazin kann die Platte gar nicht gehört haben, weil die Promos bis dato noch nicht verschickt waren. Wie die Black Crowes in einer Presseerklärung schreiben, hatte die Maxim-Redaktion aber dennoch eine Erklärung für ihre »Rezension« parat:

»When confronted with the fact that they never heard the album they are claiming to ’review’ in their music section – with a star rating, no less – they attempt to explain that it was an ’educated guess.’«

Das bedeutet ungefähr soviel wie: wir haben das Album zwar nicht gehört, aber unsere schmierenden Klugscheißer raten deshalb einfach mal, wie es denn klingen wird. Meiner bescheidenen ’fachmännische Vermutung’ nach, dürfte das gar keine Seltenheit sein. Jedenfalls das Label und der Vertrieb interessieren sich im Regelfall lediglich dafür, dass etwas geschrieben wird, ohne so genau wissen zu wollen, was geschrieben wird. Und zwar aus einem einfachen Grund: soll ein Album seinen Weg in den Tonträgerhandel finden, so möchte sowohl der gutsortierte Plattenladen, als auch die Heim-Elektronik-Großmarktkette fundierte Informationen, ob das neue Produkt ein Kassenschlager wird. Als Index muss eine lange Liste herhalten, auf der vermerkt ist, welche Medien zum Veröffentlichungstermin Rezensionen, Interviews, Features oder sonstigen Müll besorgen. Ob die Texte vernichtend (eigentlich nie), verhalten (fast nie) oder euphorisch ausfallen (fast immer), ist bei den Geschäftsverhandlungen nun wirklich nebensächlich.
Einzig verwunderlich ist bei der erfundenen »Black Crowes«-Besprechung nur, wie selten dämlich sich das Maxim angestellt hat. Hätte die Redaktion nur gewartet, bis die Promo-Kopie in ihrem Briefkasten liegt, um dann artig dem musikjournalistischen Kopisten-Handwerk (Promozettel umformulieren) nachzugehen, wäre wirklich Niemandem aufgefallen, dass man Musik nicht hören braucht, um sie in ein paar Spalten zu verhandeln.

Sebastian


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  1. […] Siehe auch: Verfasst von besserscheitern Eingeordnet unter »Qualitäts«journalismus […]

Reiss die Fresse auf:

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