Über die Homezone Hamburger Autonomer – der Roten Flora – lässt sich nicht viel Gutes sagen. Der »linke Freiraum« ist auch nach 20 Jahren hauptsächlich frei von guten Partys (die Our Turn-Konzerte ausgenommen) und progressiven Inhalten. Die Internetseite des Ladens mit Kulturprogramm und Plenumsbeschlüssen klingt nach Wrackteilen und Funksprüchen aus einem 80er-Jahre-Raumschiff. Aber auch die Flora hat nicht jedes schlechte Wort verdient. Für eine besonders eckelhafte und weithin unbeachtete Schmähung hat jetzt ein Kunstprojekt gesorgt. »Plakataufwand« versteht sich als so etwas wie ein Dienstleister im öffentlichen Raum. Man schreibt eine Mail an die Gruppe mit einer Botschaft und einem Ort. »Plakataufwand« druckt die Textnachricht dann auf ein Poster und hängt es an der gewünschten Stelle auf. Dass sie nun aber ausgerechnet »Arbeit macht frei« – jener Spruch, der über den Eingangstoren deutscher Konzentrationslager prangte – an ein linkes Zentrum plakatiert haben, klingt nach Wunsch und Drohung des Auftraggebers zugleich. Hat sich ein Nazi einen Spaß erlaubt oder fanden das irgendwelche Kunstheinis hinreichend subversiv (AZ statt KZ)? »Plakataufwand« mag man den Vorwurf nicht machen, sie haben wahrscheinlich wirklich nur den Dienstleister gespielt. Dass aber auch die Künstler beim Ausdrucken und Aufhängen der Botschaft kurz hätten nachdenken können, wäre doch aber nicht zu viel verlangt gewesen. Oder?
Ich habe letztens die »Königin im Dreck« von Ronald M. Schernikau gelesen – eine Sammlung von zauberhaften Artikeln, Reportagen und Reden des leider sehr jung gestorbenen Schriftstellers, die der Verbrecher Verlag wieder zugänglich gemacht hat. Da fand ich es spannend und schön ihn in einem gerade gefundenen Youtube-Clips reden zu sehen (via). Wer Schernikau nicht kennt, sollte ihn lesen. Wer ihn gelesen hat, sollte ihm zuschauen. So rührend und sympathisch, wie er in seinen Reportagen etwa Bäckersfrauen, Aids-Patienten oder Schlagersänger porträtiert, scheint er selbst gewesen zu sein.
Düsenjäger lassen sich nicht ohne einen satten Verteidigungsetat anschaffen. Ein Eurofighter etwa kostet 85 Millionen Euro pro Stück. In der zivilen Luftfahrt geht es jedoch manchmal ein wenig kostengünstiger zu. Die im August 2008 leider aufgelöste Band Duesenjaeger, die statt Raketen Punkrock in die Menge schießt, hat bereits im Dezember 2009 ihre Aufnahmen zum Download frei ins Netz gestellt. Von der ersten Single bis zur letzten Mini-LP ist alles dabei. Wer eher auf Haptik steht (also was zum Anfassen) oder der Band noch rückwirkend danke sagen will, der oder die kann sich ja mal Herr Neumanns »Träumt weiter« anschauen. Das aktuelle Album des Duesenjaeger-Sängers ist auf dem Hamburger Label Meerwert erschienen.
In gewissen Abständen kann man ruhig einmal nachzeichnen, was den Leser und die Leserin durch die offene und hohe See des Internets an die Strände unserer kleinen Webpräsenz spült. In der letzten Zeit ein wenig Nationalsozialismus und Antisemitismus hier, ein paar Zukunftsfragen dort, Tugendterror-Themen, ein vernachlässigenswertes Popkulturinformationsinteresse, dafür hingegen Neugier nach jeglichen Genussangeboten: »Stelle einen Vergleich zwischen Tätern und Opfern im KZ an«, »Marschmusik Wehrmacht«, »wer ist wer im deutschen judentum?«, »Wo war Klaus Walther früher beschäftigt«, »Axelhöhlen«, »geil ficken in der türkei«, »wie macht man kim chi«, »indiemythos roger behrens«, »wenn man nicht verheiratet ist wer erhält die küche nach der Trennung«, »what kind of music do they listen to in Israel«, »homosexuelle agenten beim mossad«, »in der türkei verhaftet weil man als paar nicht verheiratet ist«, »blasen bericht ‚gay sauna‘«, »wie sind die bier preise auf dem immergutfestival«, »Ohren klingeln nach orgasmus«, »er liebt an mir hüftjeans«. Es tut uns leid, bislang nicht alle Fragen adäquat beantwortet zu haben. Wir bleiben dran.
Die von uns mit initiierte Kampagne I Can’t Relax In Deutschland mag etwas Staub angesetzt haben. Sie hat schließlich auch schon fünf Jahre auf dem Buckel. Mit Nenas neuer Single »Made in Germany« (Video), nach der auch ihr ganzes aktuelles Album benannt ist, dürfte allerdings schnell klar werden, warum sich die Kritik an popkulturell verpackter Deutschtümelei in den letzten Jahren leider keineswegs überlebt hat. Naiv und denkbar schlicht, textet sie Zeilen, wie die hier: »Germany/Hier gehöre ich hin/Weil ich hier am allerliebsten bin«. Ist ja schön, dass sich Gabriele Susanne Kerner in Hamburg-Rahlstedt (Germany) wohl fühlt. Sie hat einige Kinder und Enkelkinder, Geld, Erfolg und Bestätigung. Doch das genügt scheinbar noch nicht als wohliges Identitätsprogramm. Auch Deutschland muss angehimmelt werden und nicht wenige werden es ihr danken. »Germany/Ich verlass dich nie/Meine Liebe/Dich verlass ich nie/Du bleibst mein Germany/I am made in Germany/Wir sind Made in Germany.« Schön, dass wir das geklärt hätten.
Der österreichische Designer Albert Exergian hat eine unfassbar tolle Reihe von Postern gestaltet, die einige Fernsehserien mit simplen geometrischen Formen illustrieren (Überblick/bessere Auflösung). Selbst wenn man nur eine Folge der jeweiligen TV-Serie kennt, weiß man sofort was gemeint ist.
In nordvorpommerschen Kinderzimmern mit Spanplattenmöbeln hampelt sie in speckigem weißen T-Shirt unbeholfen vor der Webcam. Sie nestelt am Bändchen der Jogginghose und pocht sich bei Kernbegriffen (»Deutschland«, »ewig«) schon mal mit der Faust auf den Brustkorb. Ganz konkret: ein armer brauner Tanzbär mit Gespür für regionale Lyrik und ohne Gespür für Flow. Das Internet ist ein grausamer aber gerechter Ort. Es speichert solche Filme auch für den Boss aus der Wurstfabrik in Rheinland-Pfalz, für den unser Hampelmann in fünfzehn Jahren einmal arbeiten wird. (via)
Erst heute und durch Zufall habe ich The Black Atlantic aus Groningen entdeckt. Die auf dem Label Beep! Beep! Back up the Truck erscheinende Band spielt eine Mischung aus melancholischem Acoustic Pop und Folk. Was sehr erstaunlich ist, wenn man noch die Randinformation erhält, dass der Sänger der Band Geert van der Velde, in der gleichen Funktion auch bei Shai Hulud sein Unwesen trieb. Das 2009er Album »Reverence for Fallen Trees« kann komplett von der Seite des Labels oder der Band heruntergeladen werden.
Am 13.02.2010 soll in Dresden bekanntlich der größte Naziaufmarsch dieses Jahres stattfinden. Mehrere 1000 Vollidioten wollen an diesem Tag durch die sächsische Stadt demonstrieren und an die Bombardierung Dresdens durch die Alliierten im 2. Weltkrieg erinnern (Punchline: »Bombenholocaust«). Ob dies gelingt, steht derzeit noch in den Sternen. Sicher ist aber, dass sich ein vielfaches an AntifaschistInnen in Dresden einfinden wird, um den Nazis (und nicht wenige auch der kollektiven Dresdner-Opferkultur) in die Parade zu fahren. Der Modedesigner Alexander McQueen hat mit seiner aktuellen Kollektion das passende Outfit für die Gegenaktivitäten parat. McQueen führte auf der Mailänder Fashion Week seine neusten Kreationen vor, die die Rheinische Post für »militärische« oder »sehr martialische Demonstranten-Mode« hält (die Kollektion kurz vorgestellt). Mc Queen habe seinem Publikum in Mailand »Models in grauen, teils angsteinflößenden Masken-Kostümen« präsentiert. Angsteinflößend? Nun ja, eher nicht. Dafür aber ziemlich gut aussehend.
Was für wundervolle Krach-Gitarristen Vögel sein können, beweist eine Installation des Künstlers Céleste Boursier-Mougenot. Er hat eine E-Gitarre auf ein Stativ gespannt, den Gain-Regler des Verstärkers nach oben gezogen und das Instrument einer Gruppe von Finken überlassen. Diese nehmen die Les-Paul‑(Kopie?) als Landeplatz und Spieloase für sich in Beschlag, ziehen kleine Äste über das Instrument oder zupfen an den Saiten. Natur und Noise müssen sich also nicht ausschließen. (via)
Apropos Noise: Am 21.01. stellen Howard Slater, Anthony Iles und Mattin im Basso (Berlin) das Buch »Noise & Capitalism« vor, das man als PDF auch im Netz findet. Worum es geht?
This book, Noise & Capitalism, is a tool for understanding the situation we are living through, the way our practices and our subjectivities are determined by capitalism. It explores contemporary alienation in order to discover whether the practices of improvisation and noise contain or can produce emancipatory moments and how these practices point towards social relations which can extend these moments.