
18.02.2009
Der Autor des stets schwer lesenswerten Blogs NICHTIDENTISCHES hat sich im Rahmen einer Dissertation über »(…)moderne Hexereivorstellungen zwischen Kulturindustrie, Mythologie und Propaganda(…)« auf Feldforschung nach Afrika begeben und teilt nun auf einem extra eingerichteten Blog »Trouvailles und Stimmungsbilder« aus Ghana mit den geneigten LeserInnen. Die Vorskizzen zu seinem Promotionsvorhaben lassen erahnen, wohin die Reise geht:
Der weltweite Anstieg von Hexenjagden in der Moderne mit seinen Hot-Spots im subsaharischen Afrika, Indien, Indonesien und Südamerika lässt sich nicht allein aus der transkribierenden Analyse der Hexereivorstellungen erklären. Eine kritisch-theoretische Darstellung des Problems bedarf einer Integration der zahlreichen Vermittlungen zwischen Staat, Gesellschaft und Individuum. Neben dem globalen Warentausch sind Medien das zentrale vermittelnde Moment von Ideologien, die sowohl aus den Widersprüchen der warenproduzierenden Gesellschaft generiert werden, als auch mit ihren lokalen und kulturellen Vorbedingungen kommunizieren. Um diesen Besonderheiten im Allgemeinen gerecht zu werden und Allgemeinplätze zu vermeiden, ist eine situierte Medienforschung unabdingbar. Die Kritische Theorie liefert dabei einen Begriffsapparat, der das Nebeneinanderdenken von Widersprüchen erlaubt, wie sie in der Kulturindustrie notwendig entstehen und reproduziert werden.
Die aufstrebende Filmindustrie Afrikas hat mit Problemen der Ausbildung und der Distribution zu kämpfen. Zugleich ermöglichen neue technische Möglichkeiten eine qualitativ hochwertige Grassroots-Filmproduktion. In Nigeria entstand mit Nollywood ein ökonomisch starkes Zentrum der afrikanischen Filmproduktion, dessen Erfolge in Ghana derzeit mit Ghallywood wiederholt werden sollen. Das Filmschaffen oszilliert zwischen postkolonialen Ideologien, traditioneller Mythologie, kritischen und affirmativen Diskursen, Selbstreflexion, Publikumsbelustigung und staatlichem Erziehungsauftrag. Das Thema der Hexerei nimmt eine besondere Stellung in den modernen Medien in Afrika ein. Die medienzentrierte Feldforschung in Ghana muss daher diesem Thema höchste Aufmerksamkeit widmen. Handelt es sich jeweils um Kulturindustrie, die wie in westlichen Filmen das Unheimliche als Nervenkitzel kultiviert, um Propaganda auf Kosten Dritter oder um symbolistische Mythologie? Oder sind alle diese Elemente ineinander verwoben? Welcher Ort kommt der Hexerei jeweils zu? Entsteht subtil etwas wie ein Dogma, das die bislang hochdifferenzierten und flexiblen Hexereivorstellungen im subsaharischen Afrika auf einige wenige, visuell markierte und somit rassifizierte Stereotypen zentriert? Erzeugen Hexereifilme eher eine Proliferation der Hexereivorstellungen oder befördern sie die Wahrnehmung dieser als gesellschaftliche, artifizielle Produkte? Wie schätzen die Opfer von Hexenjagden die Auswirkungen von Hexerei-Filmen ein?
Mit Freud, Marx und Adorno sollen Hexereivorstellungen vom Subjekt her und zugunsten der Opferperspektive gedacht werden. Der Rekurs auf die Dialektik der Aufklärung ermöglicht einen geschärften Blick auf die Modernitätsdebatte in der aktuellen Hexenforschung und trägt dazu bei, die Fragmentierung in Einzelwissenschaften in einem interdisziplinären Dialog zu erodieren. Die Produktion des Wissenschaftlers wird selbst als Moment der gesellschaftlichen Praxis begriffen, das nie in unschuldiger Theorie aufgehen kann.
Auch wenn auf dem Ghana-Blog zunächst nur »ethnologische Belange, Befindlichkeiten und Fotos« veröffentlicht werden sollen, könnte man dennoch das grosse Glück haben, hier einem interessanten Projekt ein gutes Stückweit bei der Selbstentfaltung zuzusehen.

2.12.2008
Mit einer besonders dicken Winterausgabe geht das exzellente Extrablatt an den Kiosk und soll hier mal wieder wärmstens zum Lesen empfohlen werden.

Der Text »Gottes Spektakel« (Lars Quadfasel) beleuchtet warum die Dubiosität religiöser Massenbewegungen kein Entwarnungsgrund ist und wie der Glaube ans selige Himmelreich mit der Hölle allgemeiner Wertvergesellschaftung zusammenhängt.
Im Bereich der Kulturindustrie geht es um Adornos Jazzkritik (Gerhard Scheit), um eine Rezension von Jonathan Littells »Die Wohlgesinnten« (Walter Schrotfels) und um »Die Liebe zum Bild« (Tobias Ebbrecht), in der sich die Deutschen angesichts von Filmschmonzetten über ihre Vergangenheit befinden.
Die Gruppe Kritik im Handgemenge analysiert in »Hauptsache gesund« das Bild von Menschen mit Behinderung als ideologische Wiederkehr des Scheiterns kapitalistischer, nichtbehinderter Subjekte am bürgerlichen Ideal der Freiheit zur Konkurrenz.
Um Kollektive geht es in »Freuds Rätsel der Massenbildung« (Sonja Witte) und im Interview mit der Gruppe TOP Berlin wird u.a. die Frage gestellt, ob sich ihre Kritik an Islam und Islamismus mit einer materialistischen Gesellschaftskritik zusammenbringen lässt.

6.11.2008
Wer als Präsident einer faschistischen Diktatur während seiner Amtszeit jede Abweichung vom totalitären politischen Islam mit Folter und Mord bestraft, Studentenaufstände blutig niederwalzen lässt, Homosexuelle hinrichtet und Israel als »alte nicht heilbare Wunde im Körper des Islam« ausmerzen möchte, darf sich in Deutschland allemal als Reformer und Dialogpartner beklatschen lassen. So lud Freiburg Ende Oktober den ehemaligen Präsendienten des Iran, Mohammed Chatami, in die Albert-Ludwig-Universität um ihn nach offiziellem Empfang durch den Bürgermeister blumige Reden zum »Islam – Chancen und Probleme des Gesprächs mit dem Westen« halten zu lassen. Nicht nur das Publikum im voll besetzten Auditorium war verzückt vom gebildeten Chatami – Elisabeth Kiderlen schiebt für die Süddeutsche Zeitung nochmal eine Lobhudelei nach:
Chatami ist kein Vertreter des Säkularismus, die Religion ist für ihn keine Privatsache. Der politische Islam, eine islamische Republik haben für ihn keine systematischen Konstruktionsfehler, die demokratischen Defizite hängen ausschließlich mit den Handelnden zusammen. Islam und Frauenemanzipation, Fortschritt, Moral, Toleranz, Demokratie und Freiheit gehören zusammen. Und vor allem Islam und Vernunft: »Dieser Auffassung gehört die Zukunft.« Damit positioniert er sich gegen die Orthodoxie.
Sich vom Islam loszusagen wurde freilich auch unter Chatami mit Hinrichtung bestraft. Das ist ja hier schliesslich keine Privatsache. Die Verhältnisse zwischen den Menschen ausschliesslich auf alten Büchern voller menschenfeindlichem Aberglauben aufzubauen, muss vernünftigerweise zu Frauenemanzipation und Freiheit führen, dass ist auch für die Dame von der SZ einleuchtend. Ärgerlicherweise erdreisteten sich ein paar Exil-Iraner die versammelten Bildungsbürger und Studenten mit etwas Realität zu konfrontieren, indem sie Chatami als »Mörder und Faschist« bezeichneten. Glücklicherweise konnten sie unter dem Applaus der Menge schnell von den Sicherheitskräften aus dem Saal geworfen werden. Diese unschöne Störung des Dialogs verarbeitet Kiderlen ganz rührend im letzten Absatz ihres Artikels:
Der Mann, der von der Achse des Bösen kam und in Freiburg mit Sympathie und Applaus empfangen wurde, stand am Ende lächelnd vor dem Auditorium – wie die Verkörperung des Guten in einer umtriebigen, verunsicherten Welt. Und so prallte die erregte Kritik an der Politik der iranischen Regierung, die von einigen Bahai, Exiliranern und »Solidarität mit Israel« Rufenden kam, am guten Willen, der philosophischen Reinheit und den weit geöffneten Armen des iranischen Theologen ab. Sein Wunsch: »Ein gemeinsames Haus für die Menschheit bauen, in dem wir zulassen, dass die Brise aus Nachbars Garten in unseren Garten weht« – fürwahr ein schönes Schlusswort. Eines Landsmannes von Hafez würdig.
Dass der Weinliebhaber Hafez unter Chatami ganz schnell im nächsten Folterkeller verschwunden wäre, muss Kiderlen nicht weiter stören, wenn sie eine Brise Folter und Mord aus Nachbarsgarten durch ihr behütetes Haus ziehen lässt.

19.09.2008
Dem Kassenschlager »Feuchtgebiete« von Charlotte Roche war Anfang 2008 nicht zu entkommen. Sämtliche Feuilletons fühlten sich über Wochen verpflichtet, die Story des Buches irgendwo zwischen Ekel-Werbung und notwendiger Gegenidentifikationsvorlage zum grassierenden Schönheitswahn zu verorten. Einen schwer lesenswerten Text hat nun der Psychoanalytiker Thomas Ettl vorgelegt. Dort wird neben zahlreichen spannenden Deutungsversuchen auch ausführt, warum die Heldin des Romans keinen emazipatorischen Gegenentwurf zur strahlenden Selbstzurichtung bieten kann und das Leiden an der Gesellschaft lediglich mit anderen Mitteln zu lösen versucht.
Nun hat sich die erste Aufregung gelegt, in die Feuilletons ist wieder Trockenheit eingekehrt und es ist die Zeit für eine nüchterne Bestandsaufnahme gekommen. Die zeigt: der Roman bebildert eine erschütternde Trostlosigkeit und wird darüber zum Zeitdokument einer Kindheit.de. Verschiedene Rezensionen haben dies im Blick, ohne jedoch das Trostlose konsequent in Relation zu Helens Sexualität zu setzen, zumal auch diese bisweilen vor Trostlosigkeit trieft. Die Sexualität lässt sich jedoch nicht von der individuellen Lebensgeschichte, von Gefühlen, Wünschen, Hoffnungen, Ängsten und Konflikten abkoppeln.

8.06.2008
Es geht wieder los und Entkommen ist nicht drin. Eine Atmosphäre zwischen Fasching und Pogrom erbricht sich über das Land und flutet alle Rückzugsmöglichkeiten. Zum Trost gegen das hupende Fahnenmeer sei hier der ausgezeichnete Anti-Fussball-Essay des kürzlich verschiedenen Autors Michael Rudolf komplett zitiert: Read the rest of this entry »

9.04.2008
»Nirgends wird die Überlappung des Erhabenen und des Exkrementalen deutlicher als im Hinblick auf Tibet, einem der zentralen Bezugspunkte des nachchristlichen »spirituellen« Imaginären. Heute spielt Tibet immer mehr die Rolle solch eines phantasmatischen Dings, eines Juwels, der sich in ein exkrementales Objekt verwandelt, je mehr man sich ihm nähert. Es ist ein Gemeinplatz zu behaupten, dass die Faszination, die Tibet auf die westliche Einbildungskraft (…) ausübt, einen exemplarischen Fall der »Kolonialisierung des Imaginären« darstellt. Sie reduziert das tatsächliche Tibet auf eine Projektionsfläche für westliche ideologische Phantasien. Und wirklich scheint die Inkonsistenz dieses Tibetbildes mit seinen offensichtlichen Widersprüchen diesen phantasmatischen Status zu belegen. Einerseits werden die Tibeter als ein Volk dargestellt, das ein einfaches Leben spiritueller Zufriedenheit führt, sein Schicksal widerspruchsfrei akzeptiert und frei ist vom unersättlichen Verlangen der Menschen im Westen nach »immer mehr«, und andererseits als unsaubere und promiskuitive Primitive. Lhasa selbst erweist sich als eine Version von Franz Kafkas Schloss: Erhaben und majestätisch, solange man es von ferne sieht, verwandelt es sich beim Betreten der Stadt in ein »Schmutzparadies«, einen gigantischen Scheißhaufen.«
So sehr Slavoj Žižeks schon etwas ältere Ausführungen richtig liegen – in der deutschen Berichterstattung hält sich stets hartnäckig ein Tibet-Diamant, der durch nichts beschmutzbar scheint. Obwohl oder wahrscheinlich grade weil die Plattitüden des dümmlich grinsenden Dalai-Lamas des Niveau von Glück-Keks-Sprüchen selten erreichen, wird er weiter als die gute Weisheit schlechthin vergottet. Von den Zuständen in Tibet vor der chinesischen Besatzung und der blutigen Geschichte des Buddhismus lässt sich die Tibet-Begeisterung erst recht nicht irritieren.
Trotzdem habe ich mich zunächst sehr über die durchgängig China-feindliche Berichterstattung der hiesigen Presse gefreut. Ohne Projektionen geht es aber auch dort nicht. Während in den letzten Jahren immer wieder Berichte über die ach so widerständige Underground-Jugend in China begierig konsumiert wurden (zB Beijing Bubbles), die es so in China leider gar nicht gibt, hat man nun den Eindruck, das Reich der Mitte würde aus Dissidenten bestehen, die von der KP-Minderheit unterdrückt würden. So begrüssenswert die Hörbarmachung kritischer Stimmen aus China ist, sie verschweigt auch das tatsächliche Ausmaß des Elends. Der Jahrzehntelange Terror der Mao-Ideologie bzw ihrer Anhänger hat die chinesische Gesellschaft wesentlich mehr abgefuckt, die Menschen dort im innersten beschädigt, so dass eine Gegenüberstellung von machtgeiler Führung gegen angepisste Bevölkerung ein viel zu rosiges Bild zeichnet. Wie tief die Kulturrevolution und der anschliessende »totale Kapitalismus« in die Menschen eingedrungen ist, habe ich vor längerem schon einmal hier anzureißen versucht. Viel effektiver als jede Waffengewalt presst die erfolgreiche Austreibung eigenständigen und kreativen Denkens die Menschen dort in die Unfreiheit. Wie weit dieses barbarische »Projekt« bereits vorgeschritten ist, kann oder will die China-Kritik anlässlich der olympischen Spiele nicht vermitteln. Dafür ist man viel zu fasziniert von der lange herbeigeschriebenen »neuen Welt‑/Wirtschaftsmacht China« und ihrer ungeheueren Selbstzurichtung, von der man in Zukunft noch viel lernen möchte.

15.01.2008
In der Debatte um die Verschärfung des Jugendstrafrechts steuerte gestern das »rappende Pali-Tuch« MASSIV überraschenderweise seine eigene Note bei und liess sich in Berlin-Neukölln spontan anschiessen. Das wurde aber auch Zeit, werden einige sagen, schliesslich hat der keuchende Bodybuilder seit seiner letzten Schlägerei einiges an Medienpräsenz eingebüsst. Damit die deutsche Polizei der schwer angesagten Strassengewalt von München bis Berlin endlich Einhalt gebieten kann, werden nach den Uniformen nun auch die Schlagstöcke ordentlich gepimpt. Ob das hilft?
[youtube gjpn9Mn1DD0]

7.08.2007
Vier Dokus zum Thema Punk an vier Montagen am Stück – eingebrockt vom Kleinen Fernsehspiel (ZDF):
Montag, 13.August 2007, 0:00 Uhr
Punk im Dschungel
(Der Dokumentarfilm »Punk im Dschungel« begibt sich mit der schwäbischen Punkband »Cluster Bomb Unit« auf eine Reise durch Indonesien. Wir entdecken eine junge Generation zwischen islamischer Tradition und westlichem Lifestyle und erleben Popmusik als Katalysator für gesellschaftliche Veränderungen.)
Montag, 20.August 2007, 0:20 Uhr
Pop Odyssee: House of the Rising Punk
Montag, 27.August 2007, 23:50 Uhr
Störung Ost
Montag, 03. September 2007, 0:45 Uhr
Brennende Langeweile

3.08.2007
Das allgemein verständliche ist nichts als ein Haufen Banalitäten, weil vom wirklich wichtigen längst nicht mehr gesprochen werden kann. Es wäre gar nicht verständlich. Verständlich ist eine Aussage der allgemein gebräuchlichen Sprache nur, soweit sie verallgemeinerbar ist; soweit sie also bereit ist, dasjenige zu verraten, dem sie eigentlich zum Ausdruck zu verhelfen hätte.
Denn das wirklich wichtige wäre die verborgene Wahrheit der Vereinzelten, das schmerzlich Lied ihrer Zerrissenheit und ihrer Sehnsüchte, ihrer Ängste und Finsternisse. Das, was als Kommunikation gilt, besteht aber gerade darin, davon abzusehen, was bloss die Vereinzelten betrifft. Ihnen ist die Sprache nicht sosehr geraubt als vielmehr nie gegeben; für das, was zu sagen wäre, ist die Sprache dieser Gesellschaft feindlich besetztes Gebiet.
Beim Versuch, einleitende Worte zu finden, die den grade angerissenen Text empfehlen sollen, wird mir leider bewusst, dass sämtliche meiner hierzu getippten Sätze den Gestank abgestandenen Werbe-Jargons nicht abschütteln können.
Da dies der Argumentation des Autors durchaus entgegenkommt, möchte ich auf die Schönheit des verlinkten (Nicht)Reviews eines Konzertes der Band »The Paper Chase« hinweisen und hiermit zum Weiterlesen auffordern.

1.08.2007
Bis September muss man sich noch gedulden, bis die »Marx-Liebhaber aus Winnipeg« ein neues Album vorlegen. Ein neuer Song ist allerdings bereits online zu haben und lässt meine Vorfreude ungeahnte Höhen erklimmen.
»The Weakerthans – Night Windows«