In der gestrigen Ausgabe der Süddeutschen Zeitung fand sich eine längere Rezension zweier Bücher von bzw. über Ernst Bloch. Eine darin wiedergegebene prima Anekdote, soll hier noch mal nacherzählt werden:
Wie die meisten Kinder erträumte er (Bloch) sich eine edlere Geburt und kam auf den verwegenen Gedanken, dass er ein mit drei Jahren geraubter Graf Stolberg-Wernigerode sei. Irgendwann werde es läuten zu Hause und draußen ihn eine Kutsche erwarten mit zwei stampfenden Rappen, um ihn »auf das Schloss meiner Väter« zu verbringen. Jedes Mal, wenn es läutete, berichtet der inzwischen 81-jährige Bloch 1966 in einem Interview, »dachte ich: es ist für mich, jetzt werde ich abgeholt. Es war aber nur Herr Müller, der meinen Vater zum Biertrinken abholte«.
»Nirgends wird die Überlappung des Erhabenen und des Exkrementalen deutlicher als im Hinblick auf Tibet, einem der zentralen Bezugspunkte des nachchristlichen »spirituellen« Imaginären. Heute spielt Tibet immer mehr die Rolle solch eines phantasmatischen Dings, eines Juwels, der sich in ein exkrementales Objekt verwandelt, je mehr man sich ihm nähert. Es ist ein Gemeinplatz zu behaupten, dass die Faszination, die Tibet auf die westliche Einbildungskraft (…) ausübt, einen exemplarischen Fall der »Kolonialisierung des Imaginären« darstellt. Sie reduziert das tatsächliche Tibet auf eine Projektionsfläche für westliche ideologische Phantasien. Und wirklich scheint die Inkonsistenz dieses Tibetbildes mit seinen offensichtlichen Widersprüchen diesen phantasmatischen Status zu belegen. Einerseits werden die Tibeter als ein Volk dargestellt, das ein einfaches Leben spiritueller Zufriedenheit führt, sein Schicksal widerspruchsfrei akzeptiert und frei ist vom unersättlichen Verlangen der Menschen im Westen nach »immer mehr«, und andererseits als unsaubere und promiskuitive Primitive. Lhasa selbst erweist sich als eine Version von Franz Kafkas Schloss: Erhaben und majestätisch, solange man es von ferne sieht, verwandelt es sich beim Betreten der Stadt in ein »Schmutzparadies«, einen gigantischen Scheißhaufen.«
So sehr Slavoj Žižeks schon etwas ältere Ausführungen richtig liegen – in der deutschen Berichterstattung hält sich stets hartnäckig ein Tibet-Diamant, der durch nichts beschmutzbar scheint. Obwohl oder wahrscheinlich grade weil die Plattitüden des dümmlich grinsenden Dalai-Lamas des Niveau von Glück-Keks-Sprüchen selten erreichen, wird er weiter als die gute Weisheit schlechthin vergottet. Von den Zuständen in Tibet vor der chinesischen Besatzung und der blutigen Geschichte des Buddhismus lässt sich die Tibet-Begeisterung erst recht nicht irritieren.
Trotzdem habe ich mich zunächst sehr über die durchgängig China-feindliche Berichterstattung der hiesigen Presse gefreut. Ohne Projektionen geht es aber auch dort nicht. Während in den letzten Jahren immer wieder Berichte über die ach so widerständige Underground-Jugend in China begierig konsumiert wurden (zB Beijing Bubbles), die es so in China leider gar nicht gibt, hat man nun den Eindruck, das Reich der Mitte würde aus Dissidenten bestehen, die von der KP-Minderheit unterdrückt würden. So begrüssenswert die Hörbarmachung kritischer Stimmen aus China ist, sie verschweigt auch das tatsächliche Ausmaß des Elends. Der Jahrzehntelange Terror der Mao-Ideologie bzw ihrer Anhänger hat die chinesische Gesellschaft wesentlich mehr abgefuckt, die Menschen dort im innersten beschädigt, so dass eine Gegenüberstellung von machtgeiler Führung gegen angepisste Bevölkerung ein viel zu rosiges Bild zeichnet. Wie tief die Kulturrevolution und der anschliessende »totale Kapitalismus« in die Menschen eingedrungen ist, habe ich vor längerem schon einmal hier anzureißen versucht. Viel effektiver als jede Waffengewalt presst die erfolgreiche Austreibung eigenständigen und kreativen Denkens die Menschen dort in die Unfreiheit. Wie weit dieses barbarische »Projekt« bereits vorgeschritten ist, kann oder will die China-Kritik anlässlich der olympischen Spiele nicht vermitteln. Dafür ist man viel zu fasziniert von der lange herbeigeschriebenen »neuen Welt‑/Wirtschaftsmacht China« und ihrer ungeheueren Selbstzurichtung, von der man in Zukunft noch viel lernen möchte.
Unter dem Namen Deathwish Live Series werden fortan Bootlegs, Live-Aufnahmen und Radiomitschnitte verschiedener Bands kostenlos bei Deathwish Inc veröffentlicht. Nach dem hervorragenden Blacklisted-Radioset vom November letzten Jahres, beschenkt das Label aus Massachusetts alle mit einem weiteren klasse Live-Mitschnitt zum download. Converge, Kreativkoloss und Speerspitze lärmender Gegenkultur, spielte am 21. September 2005 eine heftige Show im Triple Rock Social Club in Minneapolis, die okay aufgenommen hier erhältlich ist.
Dass die SPEX einst poplinkes Flaggschiff gewesen ist und zu diesen besseren Zeiten trotz einiger poplinker Trugschlüsse doch viele erhellende Artikel in regelmäßigen Abständen dort auftauchten, war ja angesichts der vor sich hin dümpelnden musikjournalistischen Tätigkeiten und teilweise komischen Ausuferungen, wenn es denn mal »politisch« wurde, nicht mehr klar. In den letzten Jahren stach aus diesem Sumpf der Beliebigkeit eigentlich nur das Cover »Halt´s Maul, Deutschland!« heraus, das während der Debatte um die Radioquote vielleicht (und hoffentlich) als Positionsbestimmung der SPEX gelten konnte.
Die aktuelle Ausgabe des »Magazins für Popkultur« stellt ebenso eine lobenswerte Ausnahme dar. Im März-Heft findet man ein langes und – wie ich finde – gelungenes Interview mit Claude Lanzmann, Herausgeber der »Les Temps Modernes«, Mitglied der Résistance, zeitweise liiert mit Simone de Beauvoir, Weggefährte Jean-Paul Sartres und Regisseur unter anderem von «Shoa« und »Pourqoui Israel?«.
Doch damit nicht genug. Im Rahmen der DVD-Neuerscheinung von »Shoa« zeigt die SPEX-Redaktion die neunstündige Dokumentation aufgeteilt in zwei Filmabende am 04.03.2008 um 19.00h und am 05.03.2008 um 18.30h im Berliner »Kino Arsenal« (Potsdamer Platz). Auf Einladung der SPEX wird auch Claude Lanzmann an beiden Abenden anwesend sein.
Weder die Einen noch die Anderen dürften unter normalen Umständen in unserem Geschmacksstübchen Platz nehmen. Weil aber ein schöner Blick auf das merkwürdige Treiben namens »Musikjournalismus« freigelegt wird, sperren wir ausnahmsweise mal die Tür auf.
In der US-amerikanischen März-Ausgabe des »Männermagazins« Maxim wurde über ein Album der Black Crowes berichtet. Man vergab fleißig Sterne (2 von 5) und lieferte zum Tenor des Urteils auch artig einen Grund. Das Album »hasn’t left Chris Robinson and the gang much room for growth.« Vielleicht wirklich eine berechtigte Kritk.
Der Haken ist nur: das Tittenmagazin kann die Platte gar nicht gehört haben, weil die Promos bis dato noch nicht verschickt waren. Mehr
Dass Musik eine politische Praxis sei, mit der sich das Ruder der Verhältnisse herumreißen ließe, kam als Einfall nicht nur der »Poplinken«. So wird etwa auch im us-amerikanischen Vorwahlkampf auf das komplette Massenkulturbesteck zurück gegriffen und Youtube zum Kandidaten-MTV umfunktioniert. Mit zahllosen Clips wird ein Regierungswechsel oder eben sein Ausbleiben anmusiziert und absurd komische Beiträge abgeliefert. Die Palette beginnt bei ernst-gemeinter Pop-Ikonografie und läuft sich auch bei Kopulations-Schlagern gerade mal warm. Mehr
In der Debatte um die Verschärfung des Jugendstrafrechts steuerte gestern das »rappende Pali-Tuch« MASSIV überraschenderweise seine eigene Note bei und liess sich in Berlin-Neukölln spontan anschiessen. Das wurde aber auch Zeit, werden einige sagen, schliesslich hat der keuchende Bodybuilder seit seiner letzten Schlägerei einiges an Medienpräsenz eingebüsst. Damit die deutsche Polizei der schwer angesagten Strassengewalt von München bis Berlin endlich Einhalt gebieten kann, werden nach den Uniformen nun auch die Schlagstöcke ordentlich gepimpt. Ob das hilft?
In Chambers, im ehrbaren US-Bundesstaat Texas, hat sich am vergangenen Wochenende wieder einmal Unfassbares zugetragen. Perry Alvin Price, 46, Ehemann, Stiefvater und Jäger aus Leidenschaft, wurde Opfer eines tragischen wenn nicht sogar höchst tragischen Unglücks. Denn nichts Armseligeres als die Wildgansjagd hatte Price in den Wald bei Stowell geführt und nicht weniger als eine Gans wollte der Hobby-Jäger seinen Liebsten am Abend auf den Teller legen. Nachdem der geübte Weidmann ein Exemplar vom Himmel geholt hatte, ging er zu seinem Truck, um seinen Hund aus dem Wagen zu lassen, damit dieser den Vogel apportierte. Perry legte sein Gewehr auf die Ladefläche des Trucks, so wie er es immer tat. Doch dann geschah das, womit niemand – zumindest nicht Perry – rechnete. Labrador Arthur sprang dionysisch-freudetrunken im Dreieck und kam dem Gewehr zu nahe, betätigte unachtsam oder aus blankem Kalkül den Abzug und knallte sein Herrchen ab. Die Kugel durchschlug die Ladeklappe des Wagens und traf Perry direkt in den Oberschenkel. Zwar versuchte ein flux dazu geeilter Jagd-Kamerad noch die Blutung zu stoppen und beförderte ihn umgehend ins nächstgelegene Krankenhaus, aber Perrys Arterie war zu stark beschädigt und die Ärzte konnten ihn nicht mehr retten.
Was nun mit Arthur passiert, ist ungewiss. Man muss wohl davon ausgehen, dass seine Familie ihn nicht mehr will. Höchstens tot sehen. Weil man Hunde aber strafrechtlich nicht belangen kann, wird Arthur wohl den Weg in eine neuerliche, hoffentlich versöhnlichere Sippenhaft antreten müssen. Irgendwann wird er die Scheiße vergessen. Vielleicht sogar drüber lachen. Und wenn er erst sein altes Herrchen und die Jagd verlernt hat, könnte sich herausstellen, dass Labradormännchen Arthur am Ende gar als der unverschämt glücklich Abtrünnige seiner ehemaligen Schicksalsgemeinschaft übrig geblieben ist. Weidmanns Dank.
Kurz vor Jahresende sei hiermit auf die Ausstellung „Heimat und Exil – Emigration der deutschen Juden nach 1933“ im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig hingewiesen, die zusammen vom Jüdischen Museum Berlin und dem Haus der Geschichte in Bonn initiiert wurde. Die Ausstellung zeigt anhand biografischer Ausschnitte wie sich die Flucht vor der nationalsozialistischen Verfolgung vor und nach Kriegsbeginn vollzog, die zahlreichen Stationen der Emigration und die Anpassungsschwierigkeiten der jüdischen Flüchtlinge in den jeweiligen Aufnahmeländern und schließlich auch die Rückkehr nur weniger in das „Land der Täter“ nach 1945. Die Ausstellung wird von einigen Veranstaltungen begleitet und kann noch bis zum 30.3.2008 besucht werden. Der Eintritt ist frei.
Während die Popmusik zum prekarisierten Stiefkind der Kulturindustrie verkommt, bemühen sich beflissene Kulturarbeiter, ihre Schäfchen in einem anderen Stall ins Trockene zu bringen. Jens Rachut produziert mittlerweile Hörspiele, Schorsch Kamerun ist auf Theaterbühnen aktiv und Rocko Schamoni, der macht gleich alles. Der Autor, Politiker, Call-Center-Mitarbeiter, Theatermensch und Filmstar hält auch am morgigen Sonntag (2.12.2007) sein Gesicht in jede Kamera. Um 22:45 Uhr wird er im WDR in Götz Alsmanns WG vorstellig.